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Disintegration

Veröffentlicht am 18.06.2020 von Andreas Erber

Disintegration

Strategieshooter mit ganz viel Action

Mit Disintegration ist nicht das achte Musikalbum der englischen Rockband "The Cure" aus dem Jahre 1989 gemeint. Worunter vielen der Titel Lullaby bekannt sein dürfte. Hier handelt es sich vielmehr um das neuste Stück Software aus dem Hause V1 Interactive. Die Besonderheit dabei stellt die Mitarbeit von Marcus Lehto dar, welcher als Miterfinder der bekannten Ego-Shooter Serie Halo gilt. Umso höher wurden die Erwartungen der Spieler gesetzt. Doch schon in der Betaversion stellte sich Disintegration als ein ernüchternder Ego-Shooter heraus, was vor allem an der Tatsache liegen kann, dass es sich hier um das erste Werk des eher kleinen Entwicklerstudios handelt. Aller Anfang ist schwer und der erste Schritt hat oft mit viel Mut zu tun. Immerhin trauen sich die Entwickler an einen Shooter mit Strategieelementen ran, was in Anbetracht der überschaubaren Anzahl dieses Genres durchaus ein Wagnis ist.

Disintegration

Findet die Crew, die zu euch passt!

Eure Aufgabe in Disintegration ist es die feindlichen Linien mit taktischer Raffinesse zu säubern. Gespielt wird in der Ego-Sicht, wobei ihr als Pilot eines schwebenden Kampfroboters kämpft. Allein seid ihr dabei keineswegs. Zusammen mit ein bis vier weiteren Bodentrupp-Kämpfern durchforstet der Spieler die schlauchartigen Levels. Die Zusammenstellung der Crew kann im Menü, welches sich am PC des Terminals in der Lobby befindet, angepasst werden. Die Kämpfer können mit ihren diversen Fähigkeiten auf den Richtungstasten des Digitalkreuzes belegt werden. Im Kampf genügt der Druck auf eine Richtungstaste und der jeweilige Bodenkämpfer kann durch einen Druck auf die R1-Taste seine Fähigkeit ausführen. Darunter zählen beispielsweise das Verlangsamen von Gegnern in einer kreisförmigen Zone oder das Werfen einer Druckgranate. Der Wirkungsgrad von Granaten ist im Gegensatz zur Zeitlupenfunktion zwar wesentlich kleiner, doch die Stärke des Angriffs bei einem Treffer ist enorm. Der Spieler selbst, welcher alle Kommandos steuern darf, kann mit Hilfe der L1- und L2-Taste und einer begrenzten Flughöhe nach oben und unten schweben. Ebenso kann der Trupp mit der R1-Taste auf einen bestimmten Punkt geführt werden, wobei hier stets immer nur der Gesamte Trupp befehligt werden kann. Einzelne Soldaten können lediglich ihre personalisierten Fähigkeiten ausführen, nicht aber auf einzelne Deckungsmöglichkeiten navigiert werden. Bei manchen Aufgaben müssen Gegenstände geborgen werden, die nur nach Verwenden eines Sichtgerätes von den KI-Mitspielern eingesammelt werden können. Auch sonst hilft die spezielle Sicht per Kreis-Taste um Gegenstände wie Barrikaden oder Ölfässer zu entdecken, um diese anschließen taktisch verwenden zu können.
Kleiner Tipp: Mit R1+Kreis-Taste versammeln sich eure treuen Gehilfen, falls sich diese mal verlaufen haben.

Der Clou in den Gefechten sind die taktischen Möglichkeiten, denn diese sind vor allem im höheren Schwierigkeitsgrad von Nöten. Doch zum Glück können getroffene Soldaten mit Hilfe einer Heilpistole (Dreieck-Taste) geheilt werden. Wer dies verpasst kann seine gefallenen Kameraden ganz einfach aufsammeln, in dem der Spieler knapp über sie hinweg fliegt. Nach ein paar Sekunden kommt es zum Respawn, der in unmittelbarer Nähe stattfindet. Sollten doch einmal alle Spieler fallen, heißt es endgültig Game Over und man startet wieder vom letzten Checkpoint. Ihr sterbt zu oft? Kein Problem! Wer den Schwierigkeitsgrad "Story" wählt, kann das Spiel ohne Rücksicht auf Verluste schon fast wie einen normalen Shooter durchspielen. So kommen Action-Fans auf ihre Kosten, wobei die eigentliche Sinnhaftigkeit des Spiels spürbar verloren geht.

All diese Funktionen können stressfrei im Tutorial erlernt werden. Dabei erklärt das Spiel Schritt für Schritt alle Funktionen. Danach kann es mit der Story direkt losgehen. Wobei die Wortwahl Story eher unpassend erscheint. Vielmehr handelt es sich um einzelne Missionen die zwar mit Zwischensequenzvideos verzweigt wurden, allerdings keine allzu tiefgründige Handlung beinhalten. Die Kampagne erstreckt sich über ein paar Missionen, welche relativ rasch bewältigt werden können.

So richtig Spaß macht eigentlich eher der Mehrspielermodus mit seinen 3 Spielmodi. "Zone Control" (erobere und halte die Zonen), "Collector" (besiege Gegner und nimm ihre Behälter auf) und zu guter Letzt "Retrieval" (Liefere Kerne in Gefechten aus mehreren Runden ab). Unentschlossene wählen ganz einfach die Funktion "Schnelles Spiel". Hervorzuheben ist, dass die Crew nach dem jeweiligen Geschmack ausgewählt werden kann. Diese Auswahl ist allerdings nicht nur von optischer Natur. Alle Crews besitzen neben unterschiedlichen Fähigkeiten auch unterschiedliche Waffen. Jeder Waffe hat seine Vor- und Nachteile, was die Schussrate und Stärke betrifft. Weniger erfreulich ist das Match-Making, welches mit über 10 Minuten und einem anschließenden Abbruch einfach kein Lächeln ins Gesicht zaubert. Selbst eine erneute Suche, bei stabiler und extrem schneller Internetanbindung, führt zur Verzweiflung. Nach mehreren Versuchen gelingt es der „Spielersuche“ ein Match auf die Beine zu stellen. Es kann nur auf weitere Service-Updates gehofft werden.

Disintegration

Gameplay & Steuerung

Das Gameplay ist eine gewagte Mischung aus Shooter- und Taktikelementen, wie wir sie gerne öfter zu Gesicht bekommen würden. Vergleichbar ist der Titel mit Titanfall, Destiny und XCOM, wobei die Qualität an keines dieser genannten Titel auch nur annähernd herankommt. Dazu gibt es einfach viel zu wenig Aufgaben und Details wie in Destiny, zu wenig Taktik im Vergleich zu XCOM und zu wenig Spielgeschwindigkeit als es je in Titanfall gegeben hat. Vor allem letzteres wirkt äußerst zähflüssig. Zumindest gibt es einen kurzen Schub sobald die X-Taste betätigt wird. Die allgemeine Abstimmung wirkt unausgeglichen.

Leider spielt die Mitspieler-KI in der Kampagne nicht immer richtig mit und so laufen diese teilweise sinnlos herum. Schon allein aus diesem Grund sind die Onlinemodi zu empfehlen, in denen der Spielablauf wesentlich dynamischer abläuft. Wären da nur nicht diese langen Wartezeiten um in eine Online-Partie zu kommen. Zudem hätten die Entwickler noch mehr taktische Angriffsvarianten ins Spiel integrieren können.

Fehlplatziert wirkt übrigens der integrierte Shop, bei dem Spieler sich für echtes Geld „Credits“ kaufen können. Diese können für digitale Inhalte wie neue Banner, Emotes oder das Aussehen der Crew verwendet werden. Zum Glück ist man in diesem Spiel nicht davon abhängig, da sie keinerlei Vorteile im Spielverlauf darstellen. Einlösbare Punkte können auch über den Spielfortschritt gesammelt werden. Deshalb ist es auch sehr wichtig, die Positionen der erledigten Feinde abzusuchen. Genau dort findet der Spieler neben Päckchen an Heilmittel auch die sogenannte Beute, die als EP-Punkte im Endergebnis gelistet werden.
Mehr Haltbarkeit, Waffenschaden oder Regeneration? Durch Erfahrungspunkte kann die gesamte Crew verbessert werden, um auch eine größere Anzahl an Gegnern zu bezwingen.

Besonders wichtig in solch einem Action-Spiel ist die Steuerung, welche als präzise und direkt eingestuft werden kann. Auch das Anvisieren von Gegnern sowie das Navigieren der Begleitsoldaten funktioniert über die Eingabe des Controllers einwandfrei. Die Tastenbelegung ist einwandfrei und lässt keine Fragen offen.

Disintegration

Grafik & Sound

Grafisch bewegt sich das Spiel eher im oberen Mittelfeld. Zwar können die Filmsequenzen mit annehmlichen Animationen und gelungenen Licht- und Schatteneffekten glänzen, doch im Spiel selbst ist die Grafik nicht zu jederzeit ein Glanzwerk. Schon zu Beginn im Aufenthaltslager, einer Art Lobby wo alle Vorbereitungen getroffen werden, fällt die etwas mäßige Grafikqualität sofort auf. Angelegt ist diese Form von Lobby an die Destiny Spielreihe (der Turm), auf dem der Handel blüht. In Disintegration sieht das Leben alles andere als lebendig aus. Es gibt so gut wie kaum bewegende Figuren oder Aktionen und beim Ansprechen von Personen wird der Spieler nur mit langweiligen Sprechblasen zu getextet. Eventuell wäre ein kompletter Entfall dieser Lobby von Vorteil gewesen.
Sobald der Spieler sich mit seinem schwebenden Kampfgerät in die Lüfte begebt, erscheinen die Gegner einfach zu unscharf und das Gesamtbild wirkt unruhig, körnig und verwaschen. Nur in unmittelbarer Nähe sind die Gegnertypen besser zu erkennen und weisen ein paar grobe Details auf. Beispielsweise in Form von Kleidungsaccessoire. Die meisten Level-Abschnitte wirken karg und können höchstens mit entfernten Hintergrundgebieten trumpfen. Gebirgszüge erscheinen in der Ferne überraschend mächtig. Die kleinen Basen, Dörfer und Container, in denen sich die Gegnertruppen aufhalten fallen oftmals etwas zu klein und unspektakulär aus. Positiv zu erwähnen sind hierbei die zerstörbaren Objekte wie vorgegebene Ziegelwände, die als Deckung für Gegner oder einem selbst dienen oder Ölfässer, die gleich mehrere Gegner in der Umgebung ins Jenseits befördern können.

Der Soundtrack zum Spiel ist überraschend gut und kann mit realen Orchesterklängen überzeugen. Auch hier wurde wohl ein wenig von Destiny abgehört.
Schusswechsel, die Düsenantriebe im Schwebemodus oder die Explosionen der Granaten klingen sehr satt und überzeugend. Leider bekommt der Spieler die Sprachausgabe nur auf Englisch zu hören und muss sich mit etwas zu klein geratenen, deutschen Textzeilen begnügen.

Disintegration

Pro

  • Shooter mit taktischen Einflüssen
  • Crews können optisch angepasst werden
  • Verbesserungen der Spielerwerte
  • guter Soundtrack mit Orchester-Feeling
  • Soundeffekte bringen die nötige Wucht mit

Contra

  • mittelmäßiges Grafikniveau
  • zu wenig Einstellungsmöglichkeiten
  • Matchmaking zerrt am Geduldsfaden
  • Mitspieler-KI könnte besser sein
  • Credit-Shop ist deplaziert

Fazit

Die Entwickler von Disintegration wagen einen Genre-Mix, der durchaus Potential hat. Im Kampfroboter fühlt der Spieler sich wie ein Feldherr, der im Sekundentakt seine Kameraden kreuz und quer schickt. Gleichzeitig zählt vor allem die richtige Taktik. Ein schnelles Durchlaufen der Levels klappt höchstens in der einfachsten Schwierigkeitsstufe. Fehler wie das Match-Making, die gelegentlichen Ruckler und der lineare Level-Aufbau trüben das Spielerlebnis stark und dennoch sollten Spieler mit Teamgeist diesem Titel nicht den Rücken kehren. Immerhin kann der Multiplayer mit Freunden und der richtigen Taktik äußerst viel Spaß machen. Die Story-Missionen wirken einfach viel zu langweilig und emotionslos. Der Soundtrack im Orchesterstil dagegen verdient ein großes Lob und auch die Soundeffekte knallen sauber aus den Lautsprechern. Actionfans mit Vorlieben für ausgiebigen Schusswechsel und taktischen Können werden mit Sicherheit viel Freude an Disintegration haben.

Getestet wurde Disintegration auf PS4 von Andreas Erber. Das Spiel lag uns zum Testzeitpunkt in Version 1.02 vor.

Das Test-Exemplar / der Review-Code für Disintegration wurde uns von gärtner pr kostenlos zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!