Crimson Desert · Test
Veröffentlicht am 04.04.2026 von Tobias Creter
Ein gigantisches Open-World-Abenteuer mit riesigem Potenzial – und überraschend vielen Stolpersteinen
Mit Crimson Desert schickt das südkoreanische Studio Pearl Abyss – bekannt durch Black Desert Online – ein ambitioniertes Open-World-Actionspiel ins Rennen, das sich bewusst vom MMO-Vorgänger abgrenzt und voll auf Story, Action und Einzelspieler-Erlebnis setzt. In unserem zweiwöchigen Test auf der PS5 Pro haben wir knapp 100 Stunden in der rauen Welt von Pywel verbracht, gekämpft, erkundet, geflucht – und erstaunlich oft nicht mehr aufhören können zu spielen. Trotz der langen Spielzeit hat man das Gefühl, gerade erst an der Oberfläche zu kratzen – und längst noch nicht alles gesehen zu haben.
Was ist Crimson Desert eigentlich? Schwer zu sagen – ein Mix aus vielen bekannten Spielideen und Mechaniken, laut Entwickler kein klassisches RPG und insgesamt irgendwie schwer greifbar.
Crimson Desert will viel, manchmal zu viel. Es ist gleichzeitig faszinierend und frustrierend, beeindruckend und unnötig kompliziert. Oder anders gesagt: Ein Spiel, das dich gleichzeitig begeistert und in den Wahnsinn treibt – im besten und im schlechtesten Sinne.
Wichtiger Hinweis für alle, die mit dem Gedanken spielen, sich Crimson Desert zu kaufen:
Man muss das extrem lange, trockene und teils verwirrende Tutorial überstehen – und das dauert gut 8 bis 10 Stunden. Erst danach öffnet sich das Spiel wirklich und zeigt, was in ihm steckt. Für viele dürfte genau das die größte Einstiegshürde sein.
Eine düstere Reise durch eine Welt im Umbruch
In Crimson Desert schlüpfst du unter anderem in die Rolle von Kliff, dem Anführer einer Söldnertruppe, die sich in einer vom Krieg gezeichneten Welt über Wasser halten muss. Auf dem Kontinent Pywel kämpfen verschiedene Fraktionen um Macht, Einfluss und ihr eigenes Überleben – mittendrin du und deine Gefährten. Die Geschichte setzt auf eine ernste, teilweise düstere Tonalität und will große Themen wie Loyalität, Verlust und Verantwortung erzählen. Klingt nach epischem Storytelling – bleibt aber oft hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Story ist okay, aber selten wirklich packend – und die meisten Charaktere bleiben leider nicht lange im Gedächtnis.
Gameplay & Steuerung
Das Gameplay von Crimson Desert ist ein wilder Mix aus Open World, Action-Adventure und Sandbox – und genau hier liegen gleichzeitig die größten Stärken und Schwächen des Spiels.
Fangen wir mit dem Positiven an: Die Kämpfe machen Spaß. Richtig Spaß. Vor allem im Mid-Game, wenn du einen großen Teil des Skilltrees freigeschaltet hast, entfaltet sich das Kampfsystem erst richtig. Kombos, Fähigkeiten und das Zusammenspiel aus Nahkampf, Spezialattacken und Umgebung sorgen für dynamische Gefechte. Wenn alles klickt, fühlt sich Crimson Desert fantastisch an. Gegnerhorden sind dann oft nur noch Kanonenfutter – fast schon zu einfach. Und genau da beginnt das Problem.
Denn während normale Gegner kaum eine Herausforderung darstellen, schlagen Bosse plötzlich in die komplett andere Richtung aus. Übertrieben schwer, oft unfair und teilweise schlicht schlecht designt. Sehr schnell, oft fliegende Gegner, die schwer zu treffen sind, kaum Verschnaufpausen, Angriffe schwer lesbar – das fühlt sich nicht wie eine faire Herausforderung an, sondern eher wie Trial & Error. Hier fehlt es massiv an Balance.
Auch abseits der Kämpfe zeigt sich schnell: Dieses Spiel liebt es, Dinge unnötig kompliziert zu machen. Steuerung, Menüs, Inventar – vieles wirkt so, als hätten die Entwickler bewusst etablierte Standards ignoriert, nur um ihr eigenes Ding zu machen. Das Problem: Es ist selten besser, sondern meist einfach nur umständlicher.
Ein paar Beispiele gefällig?
- Lesen von Gegenständen: Rezepte, Bücher und Notizen musst du erst einsammeln, dann untersuchen, dann öffnen, dann teilweise umblättern oder drehen – und danach landen sie weiterhin im Inventar. Was in anderen Spielen ein bis zwei Klicks sind, wird hier zur Geduldsprobe.
- Bewegung: Rennen und Sprinten funktioniert über mehrfaches Drücken einer Taste statt über intuitive Lösungen. Gleichzeitig nervt die Ausdauer beim Erkunden enorm – gerade in einer so großen Welt.
- Sammeln, Interagieren, Springen, Doppelsprung und Gleiten: Alles liegt auf derselben Taste. Keine vernünftige Priorisierung, unpräzise Abfragen. Das Ergebnis: Fehlinputs, Abstürze und Frust.
- Looten: Jeder einzelne Gegenstand muss manuell eingesammelt werden. Kein Auto-Loot, keine Filter – nichts.
Und dann wäre da noch das Inventar. Viel zu klein für ein Spiel, das dich permanent mit Loot zuschüttet. Erweiterungen helfen, lösen das Problem aber nie wirklich. Komfortfunktionen? Fehlanzeige. Keine sinnvollen Filter, keine stabile Sortierung, kein schnelles Verkaufen. Inventar-Management wird hier zur Nebenbeschäftigung.
Das Questdesign macht es leider nicht besser. Statt dich durch eine spannende Geschichte zu führen, fühlt sich vieles wie das stupide Abarbeiten von Aufgaben an. Lauf von A nach B, sprich mit Person X, sammle Y, kehre zurück. Selbst Hauptquests wirken oft wie Nebenquests im Verkleidungskostüm. Dazu kommen unpräzise Questmarker und vage Beschreibungen – oft weißt du schlicht nicht, was das Spiel eigentlich von dir will.
Besonders absurd wird es bei manchen Missionen: Du sollst kilometerweit laufen, um Aufgaben zu erledigen, während NPCs direkt daneben einfach tatenlos herumstehen. Oder du bedienst eine Kanone, während neben dir andere Soldaten genau das gleiche tun – nur scheinbar völlig unfähig. Immersion? Eher nicht.
Auch das Fahndungssystem sorgt für Kopfschütteln. Selbst wenn dich niemand sieht, wirst du verfolgt – es sei denn, du verlässt schnell genug einen willkürlichen roten Bereich. Logik sucht man hier vergeblich. Spaß leider auch.
Dazu kommen immer wieder kleine Design-Entscheidungen, die einfach unnötig nerven: Dein Pferd spawnt grundsätzlich 10m hinter dir. Quick-Time-Events tauchen mitten im Kampf auf, sind schlecht erkennbar und reißen dich komplett aus dem Flow. Dialoge lassen sich nicht sinnvoll skippen, obwohl viele davon belanglos sind. Das Spiel will deine Zeit – und zwar sehr viel davon.
Und trotzdem: Wenn du dich von all dem löst und einfach drauflos spielst, funktioniert Crimson Desert plötzlich wieder. Die Welt erkunden, interessante Orte entdecken, kleine Geheimnisse finden – genau dann zeigt das Spiel, was wirklich in ihm steckt. Ein großartiger Sandbox-Spielplatz, der dich immer wieder zurückholt. Oder anders gesagt: Crimson Desert ist dann am besten, wenn du aufhörst, es so zu spielen, wie es gedacht ist.
Die Steuerung in Crimson Desert ist vermutlich einer der größten Kritikpunkte im gesamten Spiel. Und das liegt nicht daran, dass sie grundsätzlich schlecht funktioniert – sondern daran, dass sie sich anfühlt, als hätte man bewusst alles anders gemacht als in etablierten Genre-Standards. Leider selten zum Vorteil.
Viele Aktionen sind unnötig kompliziert auf Tasten gelegt oder kombinieren mehrere Funktionen auf einer einzigen Taste. In der Praxis führt das regelmäßig zu Fehlaktionen. Manchmal passiert einfach gar nichts, weil das Timing oder der Abstand nicht passt oder dir plötzlich Ausdauer fehlt. Das fühlt sich nicht nach Kontrolle an, sondern nach Glücksspiel.
Ähnlich frustrierend ist die Lösung für Bewegung und Sprinten. Statt einer klaren, intuitiven Belegung musst du hier mehrfach eine Taste drücken und teilweise gedrückt halten oder sogar Button-Mashing betreiben. Das ist nicht nur ungewohnt, sondern auf Dauer einfach nervig. Vor allem, weil gleichzeitig die Ausdauer beim Erkunden ständig im Weg steht. In einer so großen Open World wirkt das wie eine künstliche Bremse.
Noch problematischer wird es, wenn mehrere Aktionen gleichzeitig auf benachbarten Tasten liegen. Gerade in der Nähe von Gegnern oder NPCs kann es schnell passieren, dass du aus Versehen einen Angriff ausführst, obwohl du eigentlich nur sprinten oder interagieren wolltest. Ungewollte Kämpfe inklusive – und im schlimmsten Fall direkt ein Fahndungslevel obendrauf.
Das größte Problem bleibt aber die Grundsatzfrage: Warum weicht man so stark von dem ab, was Spieler seit Jahren gewohnt sind? Gute Steuerung fühlt sich unsichtbar an. Sie funktioniert einfach. Crimson Desert hingegen will ständig erklären, wie es gespielt werden möchte – und das kostet Nerven.
Grafik & Sound
Grafisch zeigt Crimson Desert eindrucksvoll, was moderne Open-World-Spiele leisten können. Auf der PS5 Pro läuft das Spiel insgesamt erstaunlich rund und liefert eine visuell beeindruckende Welt, die dich immer wieder zum Staunen bringt. Dichte Wälder, weite Landschaften, lebendige Städte – Pywel wirkt groß, glaubwürdig und voller Details.
Besonders hervorzuheben ist das Wasser. Selten sah virtuelles Wasser so gut aus. Reflexionen, Bewegung und Dynamik gehören mit zum Besten, was man aktuell in Spielen sehen kann. Auch Flora und Fauna tragen stark zur Atmosphäre bei. Tiere verhalten sich meist glaubwürdig, Pflanzen bewegen sich dynamisch im Wind, und das Zusammenspiel aus Tag-Nacht-Wechsel und Wetter sorgt für eine lebendige Welt. Extreme Bedingungen wie Hitze oder Kälte haben zudem spürbare Auswirkungen auf deinen Charakter – ein schönes Detail, das zur Immersion beiträgt.
Ganz perfekt ist die Technik aber noch nicht. Immer wieder fallen Pop-ins von Objekten auf, und durch die intensive Nutzung von Depth Maps kommt es sichtbar zu Kantenflimmern. Dazu gesellen sich kleinere Bugs und gelegentliche Abstürze. Gerade in den ersten Spielstunden kam es vor, dass man durch die Welt fällt oder irgendwo hängen bleibt. Das wurde durch Updates zwar teilweise verbessert, ganz rund läuft das Spiel aber noch nicht.
Soundtechnisch liefert Crimson Desert solide Arbeit. Die Soundkulisse passt gut zur Spielwelt, Kämpfe haben Wucht und die Umgebungsgeräusche tragen zur Atmosphäre bei. Der Soundtrack unterstreicht viele Momente passend, bleibt aber selten wirklich im Ohr. Ähnlich sieht es bei der Vertonung aus: funktional, aber nicht herausragend.
Unterm Strich gilt: Visuell ein echtes Highlight mit beeindruckender Welt – technisch aber noch nicht ganz auf dem Niveau, das man sich wünschen würde.
Fazit
Crimson Desert ist eines dieser Spiele, bei denen man sich ständig fragt, ob man es gerade lieben oder hassen soll. Nach ca. 100 Stunden in zwei Wochen fällt das Fazit deshalb bewusst ehrlich aus: Dieses Spiel hat enormes Potenzial – steht sich aber viel zu oft selbst im Weg.
Die Basis ist stark. Eine riesige, glaubwürdige Open World, spaßige Kämpfe im späteren Spielverlauf und unzählige Dinge, die es zu entdecken gibt. Wenn du dich einfach treiben lässt, die Welt erkundest und deinen eigenen Weg gehst, zeigt Crimson Desert, was wirklich in ihm steckt. Dann fühlt es sich an wie ein großes Abenteuer, das dich nicht mehr loslässt.
Doch genau so oft sorgt das Spiel für Frust. Unnötig komplizierte Systeme, eine sperrige Steuerung, schwaches Questdesign und fehlender Komfort ziehen sich durch das gesamte Erlebnis. Immer wieder hat man das Gefühl, dass hier bewusst Dinge verkompliziert wurden, die längst besser gelöst sind. Dazu kommen technische Probleme, unausgeglichenes Balancing und Designentscheidungen, die schlicht keinen Sinn ergeben.
Und trotzdem: Ich konnte nicht aufhören zu spielen. Trotz Bugs, trotz Frust, trotz all der Kritik. Crimson Desert zieht dich rein – und lässt dich nicht mehr los. Genau das macht es so besonders. Und genau das ist auch der Grund, warum die Wertung am Ende vielleicht etwas wohlwollender ausfällt, als sie es nüchtern betrachtet sein dürfte.
Aktuell fühlt sich das Spiel eher wie ein sehr ambitionierter Early-Access-Titel an als wie ein fertiges Vollpreisspiel. Aber die vielen Updates in kurzer Zeit zeigen klar: Die Entwickler hören zu und arbeiten aktiv an Verbesserungen. Wenn dieser Weg konsequent weitergegangen wird, steckt hier das Potenzial für ein absolutes Top-Spiel.
Ein faszinierendes Chaos, das dich gleichzeitig begeistert und zur Verzweiflung bringt.
Oder noch direkter: Ein unfertiges Meisterwerk mit Suchtfaktor.
Crimson Desert lohnt sich vor allem für Spieler, die komplexe Open-World-Sandbox-Spiele lieben, bereit sind, sich durch sperrige Systeme und Design-Schwächen zu kämpfen und Freude daran haben, eine riesige Welt auf eigene Faust zu entdecken – wer dagegen ein rundes, komfortables und klar geführtes Spielerlebnis erwartet oder nur begrenzt Zeit hat, sollte aktuell lieber Abstand nehmen oder auf weitere Updates warten.
Pro
- Große, beeindruckende und glaubwürdige Open World
- Starker Sandbox-Ansatz mit viel Freiheit beim Erkunden
- Kampfsystem macht im Mid-Game richtig Spaß
- Viele Skills und Möglichkeiten zur Charakterentwicklung
- Extrem gutes Wasser und insgesamt starke Grafik
- Dynamisches Wetter und Tag-Nacht-Wechsel sorgen für Atmosphäre
- Viel Content: Höhlen, Geheimnisse, kleine Rätsel
- Entwickler reagieren schnell mit Updates und Verbesserungen
- Hoher Suchtfaktor – man will immer weiterspielen
- Riesiges Potenzial für zukünftige Verbesserungen
Contra
- Wirkt wie ein Early-Access-Spiel statt fertiger Vollpreistitel
- Unnötig komplizierte Steuerung und viele Fehlinputs
- Schwaches, repetitives Questdesign (Checklist-Gefühl)
- Kaum Spielerführung, unklare Ziele und unpräzise Questmarker
- Balancing-Probleme (leichte Standardgegner, frustige Bosse)
- Inventar viel zu klein und extrem umständlich zu verwalten
- Fehlende Komfortfunktionen (kein Auto-Loot, keine Filter etc.)
- Dialoge und Zwischensequenzen nicht überspringbar
- Nerviges und unlogisches Fahndungssystem
- Tutorial viel zu lang und unnötig kompliziert
Wertung
8.5Sehr gut
Kaufempfehlung
60%Angebot abwarten
Getestet wurde Crimson Desert auf PS5 von Tobias Creter. Das Spiel lag uns zum Zeitpunkt von unserem Test in Version1.000.186 vor.





































































































