Review

Death Stranding

Veröffentlicht am 26.11.2019

Death Stranding

Langweiliger Walking Simulator oder spannendes Meisterwerk?

[Spoilerfrei, Story nur minimal erklärt]

Das lang erwartete neue Spiel des Metal Gear Solid Schöpfers Hideo Kojima ist endlich für PlayStation 4 erhältlich (PC Version folgt nächstes Jahr). Schon seit dem ersten Trailer war klar, es wird diesmal etwas komplett Neues, doch was am Ende dabei heraus kam hätte so wohl wirklich niemand erwartet. Statt wie bisher auf die bewährte Kombination von Stealth und Shooter zu setzen, wagt sich Kojima in ganz neue Genres. Doch wie ist Death Stranding überhaupt einzuordnen? Es passt so recht in keine Schublade und das muss es auch nicht. Das Spiel wird sicher nicht jedermanns Geschmack treffen, da man diesmal im Grunde nur ein Paketbote ist und kein Mitglied einer Spezialeinheit. So verbringt man auch einen großen Teil des Spiels damit Lieferungen von A nach B zu transportieren. Aber das passiert natürlich nicht ganz ohne Action und Schleichpassagen, denn die dem Untergang geweihte Welt birgt ganz neue Gefahren...

Death Stranding

Pro

  • spannende und abwechslungsreiche Handlung
  • sehr mysteriöses Setting
  • extrem detailreiche Grafik
  • ausgearbeitete Charaktere
  • tolle deutsche Synchronisation
  • stimmungsvoller Soundtrack
  • ungewöhnliche Onlinemechaniken
  • viele kleine Gags und Easter Eggs

Contra

  • etwas hakelige Steuerung in Kämpfen
  • komplizierte, verschachtelte Menüs
  • die ersten Stunden sind relativ zäh
  • anfangs nerviges Ausbalancieren
  • Nebenquests etwas langweilig
  • Abspann nicht überspringbar (zweimal)

Der Tod ist auf der Erde gestrandet

Zugegeben, das klingt seltsam, aber das ist bei Weitem nicht das Merkwürdigste, was euch in Death Stranding erwartet. Kurze Warnung vorneweg: Wer einen actionlastigen Stealth Shooter wie Metal Gear Solid erwartet, der sollte vielleicht lieber einen großen Bogen um Death Stranding machen oder zumindest bereit sein, sich auf ein völlig anders Gameplay einzulassen. Aber nun zur Handlung, die ich hier nur so kurz wie nötig anreiße, um niemand zu spoilern, der das Spiel selbst erleben möchte. Der namesgebende "Gestrandete Tod" hat die Welt, wie wir sie kennen ausgelöscht und eine Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten geschaffen. Bis auf wenige Städte und Siedlungen ist alles zerstört. Die verbleibenden Menschen leben zurückgezogen und trauen sich kaum noch vor die Türen ihrer unterirdischen Schutzunterkünfte. Die Angst vor der unsichtbaren Gefahr ist bei den Meisten zu groß und da es durch den Zeitregen auch keine Straßen mehr gibt, ist ein Vorankommen ohnehin sehr beschwerlich. Der Zeitregen ist eine extrem lästige Nebenerscheinung des gestrandeten Todes. Er lässt alles und jeden, den er trifft viel schneller altern, wodurch es keine Infrastruktur mehr gibt. Um trotzdem Waren austauschen zu können, gibt es Boten, die sich der Gefahr stellen und Lieferungen zwischen den einzelnen Orten transportieren. Die Hauptfigur Sam Porter Bridges ist genau so ein Bote und soll nun im post-apokalyptischen Nordamerika die Gebiete durch ein chirales Netzwerk (eine Art Internet 3.0) wieder miteinander verbinden.

Death Stranding

Gameplay & Steuerung

Zentrales Gameplay-Element ist bei Death Stranding tatsächlich das Abholen und Ausliefern von Paketen aller Art. Manche Gepäckstücke müssen innerhalb von Zeitlimit geliefert werden, andere bedürfen größter Sorgfalt – Pizza darf zum Beispiel nur horizontal getragen werden und zerbrechliche Gegenstände sollte man lieber in der Hand transportieren. Soweit zur Theorie, denn in der Praxis verzeiht einem das Spiel dann doch relativ viel. Aber wenn doch mal Fracht zerstört wird, kann man den Auftrag zurücksetzen und muss dann eben nochmal den ganzen Weg auf sich nehmen. Pakete liefern klingt erstmal nicht so schwer aber da das Gelände sehr unwegsam ist, sämtliche Straßen dem Zeitregen zum Opfer fielen und auch einige menschliche sowie unmenschliche Gefahren lauern, ist es doch spannender als es klingt. Einige Kapitel spielen sich auch völlig anders und sind wesentlich actionlastiger aber darauf möchte ich aus Spoiler-Gründen nicht weiter eingehen. Im Spielverlauf erhält man immer mehr Ausrüstungen, Waffen, Gadgets und Fahrzeuge, die für neue Möglichkeiten sorgen und den Spielspaß steigern.

Ein ganz besonderes Merkmal von Death Stranding ist, dass man im komplett optionalen Onlinemodus sämtliche Gegenstände mit anderen Spieler teilen kann. Das hat sich im Spiel als extrem hilfreich und tolle Bereicherung erwiesen. Leider trifft man nie wirklich auf andere Spieler, man kann aber deren Bauwerke (Leitern, Seile, Generatoren, Schutzräume etc.) nutzen, verlorene Lieferungen einsammeln oder mit Material dazu beitragen, dass Reparaturen oder Erweiterungen gemacht werden können. Außerdem kann man überall Hinweisschilder aufstellen, die vor Gefahren warnen, Wege aufzeigen oder sogar direkten Einfluss auf andere Spieler (einige Schilder sind eine Art kurzzeitiger Boost und Steigern z.B. das Fahrzeugtempo oder die Ausdauer) haben.

Neben der typischen Third Person Steuerung kommt bei Death Stranding eine ganz neue Spielmechanik hinzu: man muss den Charakter durch die L2 und R2 Tasten ausbalancieren. Man kennt sowas vielleicht von kleinen Passagen, wo man über Balken läuft aber hier ist es ein zentrales Gameplay-Element. Aber wenn man so viel Gepäck auf dem Rücken und am Anzug trägt, wie Sam dies permanent macht, dann ist man auch etwas wackelig auf den Füßen und kann schon mal stürzen. Zugegebenermaßen hat mich das in den ersten Stunden noch sehr genervt aber mit weiterem Voranschreiten und besserer Ausrüstung stört es kaum noch und gehört dann auch einfach dazu. Viel anstrengender ist es in actionreichen Passagen mit der Doppelbelegung einiger Tasten und der dann doch etwas zu unpräzisen Steuerung klarzukommen. Auch die Navigation in den komplexen Menüstrukturen ist oft unübersichtlich und führt einige Male zu Fehleingaben. Das hätte man sicher besser lösen können, zumal man relativ viel Zeit in den Menüs verbringt, um Ausrüstung herzustellen, Inventar und Gepäck zu verwalten, Aufträge abzuwickeln oder die Route zu planen.

Death Stranding

Grafik & Sound

Grafisch kann Death Stranding vor Allem im Bereich der Charakteranimation punkten. Die digitalisierten Versionen der Hollywood-Schauspieler (Norman Reedus, Mads Mikkelsen, Léa Seydoux, Margaret Qualley, Guillermo Del Toro, Nicolas Winding Refn, Tommie Earl Jenkins, Troy Baker und Lindsay Wagner) sind sehr detailliert umgesetzt und überzeugen durch glaubhafte Gestik und Mimik. Aber auch die abwechslungsreiche Landschaft ist wunderschön und lädt immer wieder zum kurzen Verweilen und Bestaunen ein. Extrem gut ist auch der ständige Verfall durch den Zeitregen an Bauwerken und Gepäckstücken sichtbar. Die Ladezeiten sind angenehm kurz und mir fielen in über 50 Stunden Spielzeit keine Ruckler oder Grafikbugs auf. Untermalt wird dieser Augenschmaus von stimmungsvollen Musikstücken und den passenden Soundeffekten auf höchstem Niveau. Es war immer wieder ein schönes Gefühl, wenn in ruhigeren Passagen plötzlich die Musik einsetzt und Sam ein Stück auf seinem Weg begleitet. Bemängeln kann man hier höchstens die etwas überladenen und teilweise unübersichtlichen Menüs, in denen man leider relativ viel Zeit verbringt, um Aufträge anzunehmen, Waren auszuliefern oder die Gepäckstücke und Ausrüstungsgegenstände zu stapeln.

Death Stranding

Fazit

Death Stranding ist definitiv kein Spiel, dass man uneingeschränkt Jedem empfehlen kann. Aber wenn man auf Kojimas abgedrehte Stories, detailliert ausgearbeitete Charaktere und außergewöhnliche Spiele steht, dann sollte man sich Death Stranding auf jeden Fall ansehen. Es gibt durchaus auch passable Action aber die steht hier nicht so im Vordergrund, vielmehr geht es darum, durch gute Planung und cleveres Vorgehen die Kämpfe zu vermeiden und Sam mit seinem ganzen Gepäck möglichst unbeschadet durch das unwegsame Gelände zu manövrieren. Für mich ist Death Stranding definitiv ein Meisterwerk, das mich für ca. 50 Stunden (Story & einige Nebenquests) gefesselt hat. In den reichlich vorhandenen Cutscenes sind Mimik, Gestik und Kameraführung auf Filmniveau. Die Story ist spannend erzählt und bringt so einige unerwartete Wendungen mit sich. Die Nebenquests sind im Vergleich zur Hauptstory eher etwas langweilig aber doch recht gut in die Handlung integriert. Beim Abschluss erhält man immer mal wieder neue Ausrüstung oder Einblicke in die postapokalyptische Welt.

Wer Death Stranding als reinen Walking Simulator einstuft, hat es vermutlich nicht über die ersten Kapitel hinaus geschafft. Durch ständig neue Fähigkeiten oder Transportmöglichkeiten kamen im Spielverlauf immer Elemente hinzu, die das Gameplay verändert haben und manche Kapitel brechen auch komplett mit dem gewohnten Gameplay und sind deutlich actionlastiger. Die Online-Kooperation mit anderen ist eine tolle Komponente, auch wenn ich es ein wenig Schade fand, dass man immer nur auf die Hinterlassenschaften anderer Spieler trifft und niemand herumlaufen sieht.

Hut ab vor Hideo Kojima, dass er den Mut hatte ein so ungewöhnliches Spiel zu entwickeln, denn ihm ist sicherlich klar gewesen, dass er damit extrem polarisieren wird, zumal das Spiel auch eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik beinhaltet. Ich werde viele Momente aus Death Stranding sicher noch lange in guter Erinnerung behalten und vielleicht auch hin- und wieder ein paar Pakete ausliefern. Schade, dass die nutzergenerierten Bauwerke so schnell zerfallen, es wäre sonst sicher sehr interessant zu sehen, wie sich die Umgebung langfristig verändert.

Getestet wurde Death Stranding auf PS4 von Tobias Creter. Das Spiel lag uns zum Testzeitpunkt in Version 1.05 vor.

Das Test-Exemplar / der Review-Code für Death Stranding wurde uns von Sony Interactive Entertainment Europe kostenlos zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!