Review

Fallout 76

Veröffentlicht am 20.11.2018

Fallout 76

Hard Work is Happy Work

Rückeroberungstag. Wir schreiben das Jahr 2102. Nachdem nukleare Bomben vor rund 25 Jahren abgeworfen wurden, steigt ihr mit eurer eigens kreierten Charaktere aus dem Vault und erblickt zum ersten Mal das postnukleare Amerika. Genauer gesagt hattet ihr euch zuvor in einem Bunker von West Virginia verbarrikadiert. Gelb-blaue Luftballone, aufweckende Sprüche und ermutigende Werbetafeln nach amerikanischer Machart empfangen euch auf dem Weg Richtung Ausgang. In Zuge dessen erhält ihr einen sogenannten Pip-Boy, eine Art Armcomputer, der euch sämtliche Daten und Informationen wiedergibt und speichert. Doch zum eigenen Erschrecken seid ihr, bis auf euren technischen Begleiter am Arm, komplett auf euch allein gestellt. Vor der großen, runden Stahltür, die euch den Weg in die Außenwelt versperrt, bleibt ihr gebangt ein paar Atemzüge stehen. Wie sich die zerbombte Welt hinter dieser dicken, gesicherten Tür präsentiert ist vorerst ungewiss. Die ersten Sonnenstrahlen blenden euch frontal an und ihr habt zumindest Hoffnung auf weiteres Leben. Der verwachsene Wald mit vielen Hügeln, Feldern und Häuserformationen spiegelt eine heile Welt wieder. Doch der Schein trügt. Beim genaueren Hinsehen erkennt ihr, dass viele Häuser und Wege zerstört sind. Bald findet ihr heraus, dass ihr doch nicht so ganz allein seid. Gefährliche Roboter und nuklearverseuchte Zombies mit Schusswaffen machen euch das Leben zur Hölle. Wie solltet ihr es jemals schaffen Amerika wieder vollständig aufzubauen und den Frieden wiederherzustellen? Ganz allein gegen das Ungewisse.

Fallout 76

Pro

  • stimmungsvolle Open-World Szenario
  • Co-op Modus
  • allerlei Monsterarten

Contra

  • einige Grafik- und Gameplay Bugs
  • die Story selbst kommt nicht ins Rollen
  • In-Game-Store mit unfairem Wechselkurs

Welcome to WEST VIRGINIA

Schon nach einer kurzen Spielzeit werdet ihr schnell bemerken, dass ihr, neben allerlei bösen Monstern, doch nicht ganz allein seid und es noch weitere Überlebende gibt, denen dasselbe Schicksal traf. Dabei handelt es sich keineswegs um KI-Lebewesen, sondern um reale Online-Mitspieler. Denn erstmals in der Fallout Serie ist es möglich mit bis zu 3 weiteren Mitspielern in die Missionseinheiten zu stürzen. So macht das ganze natürlich deutlich mehr Spaß. Sicher hätten dem Spielverlauf ein paar KI-gesteuerte Einwohner in den Weiten von Virginia gutgetan, doch mussten die Entwickler vermutlich alle Kraftreserven der Konsolen-Hardware in den Onlinepart investieren. Die bis zu 24 fremden Online-Spieler, die sich in der Karten-Lobby befinden, verteilen sich etwas zu stark auf der riesigen Open-World Karte. Ein spontanes Treffen wird somit zur Geduldsprobe.

Positiv hervorzuheben sind die scheinbar unendlichen Einstellungsmöglichkeiten. Sogar selbsterstellte Charaktere können während einer Spielsession optisch verändert werden. Um die Variationen auszubauen haben die Entwickler einen „Atomic Shop“ kreiert. In diesem Shop können weitere Kleidungsstücke, Skins oder Icons erworben werden können. Diese Gimmicks machen sich übrigens auch im gelungenen Fotomodus ganz gut. Leider hat sich mit dem „Atomic Shop“ auch ein In-Game-Store eingeschlichen, der den Wechselkurs etwas zu ernst nimmt.

Durch das Suchen von Metallen, Lebewesen und exotischen Pflanzen erlangt der Spieler einen großen Pool an absurden Gegenständen, womit er bei den Werkbänken nützliche Werkzeuge herstellen, verbessern oder reparieren kann. Die Auswahl an Verbesserungen lässt sich kaum aufzählen. Auch euer Charakter selbst kann mit erlangten Skills, die ihr durch Level-Aufstiege erreicht wurden, verbessert werden. Das S.P.E.C.I.A.L-System wurde auf ein Spielkarten-Prinzip umgestellt. Hierbei können auch Kartenpacks erlangt werden, die gleich mehrere Karten beinhalten. Meist sind diese allerdings, sofern ein Schloss davorhängt, erst später einsatzbereit. Beispielsweise könnt ihr eine Karte mit einer „15% geringeren Wahrscheinlichkeit auf radioaktiv verseuchte Nahrung“ freischalten. Die Radioaktivität spielt eine ähnlich dramatische Rolle wie in der bekannten Shooter-Game-Serie „Metro“. Wobei ihr in Fallout nur in stark begrenzten Bereichen der gefährlichen Substanzen ausgeliefert seid. Dabei verkleinert sich euer Lebensbalken in kleinen Schritten, der durch Medikamente (RadAway) zurückerlangt werden kann. Abhilfe gegen eine Verstrahlung verschafft die richtige Ausrüstung, welche durch massive Roboter-Anzüge erzielt wird.

Doch was passiert nach einem Game Over? In diesem Fall könnt ihr euch ganz problemlos und kostenlos an einem bekannten Wegpunkt respawnen und behält die gesamte Ausrüstung. Lediglich Schrott und andere gesammelte Gegenstände müssen am Ort des Ablebens aufgesammelt werden.

Praktisch ist auch die Schnellreise-Funktion, die sich etwas später dazugesellt. Für diesen Vorgang werden jedoch ein paar Bottelcaps fällig.

Ziel im Spiel ist es, die vorgegeben Hauptmissionen sowie optionalen Nebenmissionen zu verfolgen und abzuschließen. Obwohl die Story einen Geradlinigen Weg vorgibt, lädt das Spiel auf die ein oder andere Erkundungstour ein. Das Gefühl vom Wiederaufbau kommt im Spiel allerdings nicht so recht auf. Selbst das Zusammenspiel mit euern Online-Partnern vermittelt euch nicht den Drang Amerika wieder hochleben zu lassen. Die Hauptstory bringt einfach keine richtigen Momente hervor, in denen ihr das Gefühl bekommt eine neue, junge Generation retten bzw. erschaffen zu müssen.

Im Kampf gibt es im Vergleich zu den Fallout-Vorgängern keine V.A.T.S. Sicht, in der die Zeit verlangsamt wird und eine größere Gegnerhorde Schritt für Schritt erledigt werden kann. Einzig und allein der Druck auf die L1 Taste verrät euch die Position der Gegner in unmittelbarerer Nähe und zeigt gleichzeitig dessen Energie und Panzerung an.

Neben der Ballerei schlägt der Spieler auch mit dem C.A.M.O.-System Wurzeln. Dabei könnt ihr eure eigenen vier Wände ganz nach eurem Geschmack einrichten.

Praktisch! Per Knopfdruck kann das Camp sogar problemlos übersiedelt werden.

Fallout 76

Gameplay & Steuerung

In Shooter- und Abenteuerspielen ist die Steuerung ein extrem wichtiges Element. Dieses Element funktioniert in Fallout zweifelsohne sehr gut und flüssig. Mit einem Druck auf das Touchpad des Controllers könnt ihr zwischen der Ego- und Third-Person Ansicht wechseln. Ein praktisches Feature, dass hinsichtlich der Third-Person-Sicht nicht ganz so gut gelungen ist. Die Spielfigur ist einfach ein wenig zu nah platziert, wodurch die Sicht auf die Umgebung deutlich eingeschränkt wird. Fast 40% der linken Bildschirmfläche wird verdeckt. In Kampfsequenzen mit mehreren Gegnern sind gezielte Angriffe schwer zu koordinieren. Die Umschaltung auf die Ego-Sicht kann dem Übel entgegenwirken. Eine Feinjustierung für die Kameraplatzierung wäre eine ideale Einbringung ins Spiel. Das Gameplay selber fügt sich ansonsten gut ein. Nur ab und zu passiert es, dass Gegner stecken bleiben oder sich gleich gar nicht mehr rühren. Doch in den nächsten Wochen wird es mit Sicherheit einige Updates und Patches geben, die sämtliche Fehler des Spiels ausbessern werden. Schon jetzt ist eine Server-Abschaltung geplant, in denen das Spielerlebnis und die Verbindungsqualität verbessert werden soll.

Fallout 76

Grafik & Sound

Die Endzeit-Atmosphäre wird enorm gut eingefangen. Das typisch, amerikanische Virginia wird virtuell sehr genial dargestellt und vermittelt uns eine sonderbare und mystische Umgebung mit vielen Verstecken, in denen überall die Gefahr lauern könnte.

Seltsam finden wir, dass keinerlei Kisten oder Wände zerstört werden können. Wer mit der Axt auf eine Kiste schlägt bekommt davon keinerlei Rückmeldungen. Bei einigen Gegenständen wurde nicht einmal ein allgemeiner Sound-Effekt eingespielt. Sobald eine harte Handwaffe auf ein massives Holzstück oder Metall schlägt passiert genau gar nichts. Das lässt uns leider immer wieder von den Tiefen dieses Open-World Spiels auftauchen. Den Spielverlauf trüben außerdem ein paar zu spät geladene Sträucher und Bäume sowie unscharfe Texturen auf Felsblöcken. Die Weitsicht wird durch eine extreme Unschärfe zerstört. Zumindest in den Dörfern und Städten ist der Detailgrad wesentlich höher gedreht worden. Besonders stark sind die Details in den Räumlichkeiten der Häuser zu erkennen. Selbst Malstifte und einzelne Becher mit feinen Aufdrucken werden hochaufgelöst dargestellt. Hochaufgelöst ist auch der brachiale Sound.

Die witzigen Soundtracks aus den 60er gemixt mir orchestralen Soundtracks geben dem Spiel eine ganz spezielle Note. Auch die einen oder anderen Sound-Effekte klingen sehr real. Wobei, wie zuvor erwähnt, ein paar wenige Effekte einfach vergessen wurden. Auch hier könnten Updates die Spielerfahrung verbessern.

Fazit

Fallout 76 ist ein „Meisterwerk“ und gleichzeitig ein zweischneidiges Schwert. Hier kommt es ganz auf den individuellen Spieler an. Wem die teils verwirrend, ablaufenden Kämpfe nicht zu chaotisch sind, die Rollenspiel-Elemente unwichtig erscheinen und die einen oder anderen Grafik-Bugs während des Sammelwahns nicht negativ beeinflussen, kann beruhigt zugreifen. Reine Shooter-Fans könnten allerdings etwas enttäuscht sein. Da es keine NPCs gibt, mit denen sie eine lustige Unterhaltung nach den Scripts der Entwickler erleben dürfen, geht der Rollenspiel-Flair komplett verloren, was vor allem für Fallout-Fans ein Dorn im Auge sein wird. Online Co-op Fans kommen allerdings voll auf ihre Kosten und können zu viert durch die Weiten von Virginia pilgern und nach grauenvollen Kreaturen jagen.

Getestet wurde Fallout 76 auf PS4 von Andreas Erber.

Das Test-Exemplar / der Review-Code für Fallout 76 wurde uns von Bethesda Softworks kostenlos zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!