Review

Wasteland 3

Veröffentlicht am 08.09.2020 von Tobias Creter

Wasteland 3 (PC, PS4, Xbox One) Test / Review

Mit Schneestiefeln und Shotgun unterwegs durch das postapokalyptische Colorado

Kaum zu glauben, aber die Wurzeln von Wasteland reichen zurück bis ins Jahr 1988. Der erste Teil erschein damals für MS DOS, C64 und Apple II und hat somit vermutlich doppelt so viele Jahre auf dem Buckel, wie viele unserer Leser. Ganze 26 Jahre später folgte 2014 der Nachfolger Wasteland 2 für PC und 2015 erschien dann der Director's Cut auch für die PS4 und Xbox One. Finanziert wurde die Fortsetzung über Kickstarter, wo Wasteland 2 damals das höchste anvisierte Finanzierungsziel von 900.000 $ innerhalb kürzester Zeit erreichte und am Ende sogar knapp 3 Mio. $ Unterstützung erhielt. Wasteland war schon immer ein postapokalyptisches Rollenspiel mit rundenbasiertem Kampfsystem und isometrischer Perspektive. Dieser Linie bleibt auch der neuste Teil Wasteland 3 treu. Setting ist diesmal das Ödland von Colorado in den USA nach dem nuklearen Holocaust. Die Finanzierung fand wieder über Crowdfunding statt, diemal aber bei fig.co. Zusätzlich zu den dort erzielten 3,1 Mio $ gab es durch die Übernahme des Entwicklerstudios inXile Entertainment von Microsoft zusätzliches Geld und mehr Ressourcen für die Entwicklung. Dadurch wurde eine vollständige Sprachausgabe möglich und die visuelle Qualität konnte verbessert werden. Doch nun ist genug mit langweiligen Fakten, wie sich Wasteland 3 spielt und ob sich der Kauf lohnt, erfahrt ihr im Test.

Wasteland 3 (PC, PS4, Xbox One) Test / Review

Willkommen zurück, Ranger!

Die Fans des Vorgängers mussten lange warten aber jetzt ist es endlich so weit. In Wasteland 3 schlüpft man erneut in die Rolle eines Teams von Desert Rangern, die von Arizona ins winterliche Colorado reisen, um dort ein Hauptquartier zu errichten und somit eine Versorgungslinie nach Arizona sicherzustellen. Zu Beginn kann man aus fünf verschiedenen Charakterpaaren wählen oder sich zwei eigene Ranger erstellen. Der Charaktereditor ist sehr umfangreich und das nicht nur in Sachen Optik, sondern vor Allem auch bei der Vergabe von Attributen, Fähigkeiten und Besonderheiten. Neben den üblichen Attributen, wie Stärke, Intelligenz und Agilität, kann man auch eine Startwaffe wählen und es stehen zahlreiche Hintergrund-Geschichten zur Auswahl, die euch unterschiedliche Boni verleihen. Schon hier bekommt man den derben Humor von Wastelands 3 zu spüren, wenn man aus "Bücherwurm", "Ziegenmörder" oder "trübseeliger Poet" wählt. Optional kann jedem Ranger auch eine Macke vergeben werden, die zusätzlichen positiven und negativen Einfluß auf eure Fähigkeiten hat. Von Tollpatsch über Pyromane bis hin zum Massenmörder ist hier so ziemlich alles vertreten. Vor allem Wiederholungstäter können sich hier so richtig austoben und bei jedem neuen Spieldurchlauf ein komplett anderes Team zusammenstellen.

Nach einem kurzen Kampf, der hauptsächlich als Tutorial dient, gilt es zunächst eine Basis zu errichten. Das kennt man ja bereits aus den alten Teilen. Das Ranger Hauptquartier ist der Ort, an dem ihr dann neue Ranger rekrutiert, das Inventar auffüllt oder Handelt und von wo ihr zu neuen Quests aufbrecht. Auch wenn die Vorgänger oft referenziert werden, ist es übrigens problemlos möglich Wasteland 3 zu verstehen, ohne je einen der anderen Teile gespielt zu haben. Der größte Teil der Geschichte wird dabei durch die Dialoge erzählt, die sehr explizite und detailreiche Gewalt und Grausamkeit enthalten. Wasteland 3 ist extrem gut geschrieben und die vielen Dialoge und Ereignisse stecken voller pechschwarzem Humor und bösen Überraschungen. Man trifft oft folgenschwere Entscheidungen, die den Spielverlauf drastisch und schlagartig ändern können. Dabei hängen die zur Verfügung stehenden Optionen stark davon ab, wie die Charaktere sich entwickeln. Bei gesperrten Optionen ist immer ersichtlich, an welcher Charaktereigenschaft es liegt und welches Level man benötigt, um diesen Weg zu gehen. Wichtig ist also ein gut zusammengestelltes Team mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Es schadet nicht auch einen guten Mechaniker, Hacker und Schlösserknacker im Quad zu haben.

Es stehen vier Schwierigkeitsgrade zur Verfügung, zwischen denen man auch jederzeit wählen kann, ohne Fortschritt zu verlieren. Das ist auch gut so, denn Neueinsteiger dürften gut damit beraten sein, nicht zu schwer zu starten und dann ggf. nach der Eingewöhnung auf einen höheren Schwierigkeitsgrad zu wechseln, um eine größere Herausforderung zu haben. Anfangs wird man wirklich erschlagen von den Möglichkeiten, die sich im Kampf bieten, doch grade diese Komplexität macht Wasteland 3 so spannend. Glücklicherweise teilt man sich ein Inventar für das komplette Squad und auch bei der Konversation oder bei den Aktionen, die bestimmte Spezialfähigkeiten erfordern, muss man nicht explizit den Ranger anwählen, der diese besitzt. Bei einem bis zu sechs Mann starken Team wird es ja sonst schon mal schnell unübersichtlich.

Im Kern ist Wasteland 3 ein Single Player Spiel, lässt sich aber auch komplett zusammen mit einem Freund im Online-Coop spielen. Dabei übernimmt jeder Spieler einen Hauptcharakter und man kann gemeinsam oder auch getrennt die Welt erkunden. Jeder befehligt ein eigenes Squad aber man kann Mitglieder zwischen den Squads tauschen. Allerdings kann man das Spiel nur mit dem Freund fortsetzen, mit dem man es auch begonnen hat. Fortschritte werden für beide Spieler gespeichert und man kann das Spiel jederzeit auch ohne Coop-Partner weiterspielen. Leider gibt es keinen lokalen Coop-Modus per Splitscreen. Bei der Veröffentlichung war der Online-Modus noch sehr verbugt und litt unter häufigen Verbindungsproblemen und vereinzeltem Fortschrittsverlust. Einige der Probleme wurden aber mittlerweile per Update behoben.

Wasteland 3 (PC, PS4, Xbox One) Test / Review

Gameplay & Steuerung

Wasteland 3 ist ein Mix aus Echtzeit-Steuerung und rundenbasierten Kämpfen. Solange man sich nicht im Kampf-Modus befindet, kann man sich völlig frei bewegen, Gebäude betreten und die Umgebung erkunden. Trifft man auf Gegner wechselt das Spiel in den Kampf-Modus und ein Raster gibt nun die Bewegungsmöglichkeiten vor. Wie im Genre üblich stehen Aktionspunkte (AP) zur Verfügung, die man nach Belieben auf Bewegung, Angriff, Nachladen oder Heilung verteilen kann. Die Reihenfolge ist beliebig und man kann auch jederzeit zwischen den Charakteren im eigenen Trupp wechseln. Dadurch ergibt sich eine große strategische Tiefe. Eine blaue Markierung auf dem Raster kennzeichnet den maximalen Bewegungsspielraum, in dem man danach noch genug AP zum Angriff mit der aktuell gewählten Waffe hat. Die gelbe Umrandung ist der maximale Aktionsraum. Es gibt kein Zeitlimit, so könnt ihr euch in Ruhe mit der Steuerung vertraut machen und ausprobieren bei welchem Gegner ihr den größten Schaden anrichten könnt. Die Trefferwahrscheinlichkeit und der voraussichtliche Schaden wird bei selektiertem Gegner über seinem Kopf eingeblendet. Wenn ihr auf ein freies Feld zielt, bekommt man für jeden Gegner die Trefferwahrscheinlichkeit angezeigt, außerdem sieht man durch orangene Linien welche Gegner einen dort anvisieren können. Bei der Bewegungsvorschau sieht man auch, ob man sich dadurch in vollständige oder teilweise Deckung begibt. Wie viele AP ihr habt hängt dabei vom verwendeten Charakter und dessen Attributen ab. Natürlich kann man sämtliche Attribute im Spielverlauf verbessern. Auch die Waffen und Rüstungen lassen sich verbessern. Upgrades, Munition und ähnliches gibt es natürlich auch bei den Händlern. Dort bekommt man auch schon mal exotischere Munition, wie zum Beispiel ein gefrorenes Frettchen.

Eure Moralvorstellungen werden oft auf die Probe gestellt und die Entscheidungen, die ihr trefft, haben immer Konsequenzen. So führt eine unbedachte Lüge, dass man eine Sprengfalle entschärft hat schnell dazu, dass sich einige Kameraden versehentlich in die Luft sprengen. Es gibt oft Möglichkeiten Kämpfe zu vermeiden, man kann aber auch einfach in jeden Konflikt reinstolpern. Ihr seid hier völlig frei, wie ihr euch verhalten möchtet. NPCs reagieren auf euch und eure Entscheidungen, so bietet Wasteland 3 einen riesigen Wiederspielwert, in dem kein Durchgang dem Anderen gleicht. Selbst Tiere kann man sich zu nutzen (oder auch zum Feind) machen. Unmengen an völlig abgedrehten Ideen bereichern das Spielgeschehen enorm. Was ist beispielsweise naheliegender wenn man einen Stapel mit Schneebällen findet als drauf zu pinkeln, um danach Feinde damit zu demütigen. Wasteland 3 überrascht immer wieder mit lustigen Szenen und hinterhältigen Fallen. Vorschnelles Handeln kann ungeahnte Folgen haben und komplette Handlungsstränge einfach auslöschen. Zum Glück kann man aber jederzeit Speichern und so ungewollte Geschehnisse auch wieder rückgängig machen.

Bei der Steuerung merkt man dem Spiel an, dass es eher für die Bedienung mit einer Maus entwickelt wurde. Die Tastenbelegung des Controllers ist fest vorgegeben aber gut durchdacht. Die direkte Steuerung mit dem Controller funktioniert zwar prinzipiell gut aber an einigen Stellen bleibt oder muss Aktionen doppelt anklicken, um sie auszuführen. Außerdem verschwand das Auswahlrechteck oft plötzlich und ich musste alle Knöpfe durchprobieren, um es zurück zu bekommen. Diese nervigen Fehler werden hoffentlich noch behoben. Man kann die Steuerung auch so umstellen, dass man eine Art Mauscursor mit dem linken Stick bewegt und dann auf Klick zum gewählten Ort läuft aber als Konsolenspieler war mir die direkte Steuerung dann doch lieber. Besonders im Inventar wird es mit dem Controller etwas fummelig. Waffen- und Rüstungsauswahl, sowie deren Upgrades sind viel zu umständlich gelöst. Hier sind andere Spiele zum Beispiel durch runde Menüs für die Auswahl mit dem Stick wesentlich besser für Controller optimiert. Und diese Art der Steuerung gibt es im Kampf ja auch in Wasteland 3, sie wurde nur nicht konsequent genug durchgezogen. In Dialogen wird das Auswahlrechteck immer wieder auf den ersten Eintrag gesetzt, wodurch man ständig erneut runter scrollen muss, um den nächsten Eintrag zu wählen.

Wasteland 3 (PC, PS4, Xbox One) Test / Review

Grafik & Sound

Das Spiel startet mit einer gut gemachten kleinen Intro, die optisch mit dem Trailer mithalten kann. Direkt danach im Charaktereditor wird man grafisch allerdings auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Die zur Auswahl stehenden Ranger sehen leider sehr nach PS3 aus und trübten meine Vorfreude auf Wasteland 3 ein wenig. Ein paar Polygone mehr und bessere Texturen wären hier wirklich wünschenswert gewesen. Im Spiel angekommen, sieht es wieder etwas besser aus. Die Grafik ist zwar nie wirklich auf Top-Niveau aber es gibt sehr viele liebevolle Details. In Punkto Grafik und Animation liegt Wasteland 3 ein gutes Stück hinter Divinity: Original Sin 2 und X-COM 2, den Spielspaß schmälert das aber nur minimal. Die Gegnervielfalt ist groß und auch die NPCs bieten Abwechslung. Durch das postnukleare Schneesetting sehen die Umgebungen allerdings immer recht ähnlich aus.

Die Kamera lässt sich stufenlos drehen und zoomen aber leider nur sehr eingeschränkt. Die Übersicht leidet stark durch die Beschränkung des Kamerazooms und die verfügbaren Blickwinkel der isometrischen Perspektive. Gerne hätte ich in Kämpfen mal kurz weiter raus gezoomt, um alle Positionen der Gegner und eigenen Ranger im Blick zu haben, doch das Spiel lässt das nicht zu. Man muss die Kamera ständig drehen, um keine sammelbaren Gegenstände zu übersehen. Positiv zu erwähnen sind die unzähligen verschiedenen Gegenstände die man einsammeln kann. Wo man in anderen Spielen einfach nur Schrott oder Metall sammelt, bekommt man in Wasteland 3 eine riesige Auswahl an "Müll"-Objekten mit eigenem Inventaricon und ausführlicher Beschreibung präsentiert, die man beim Händler zu Geld machen kann. Die Menüs und das Inventar sind relativ aufgeräumt für die Fülle an Informationen, die dort untergebracht sind.

Ganz anders präsentiert sich Wastelands 3 bei den Sounds. Die Hintergrundmusik ist sehr gut gewählt und passt toll zum Setting. Am Soundtrack war unter anderem Mary Ramos beteiligt, die auch für die Musik vieler Tarantino Filme zuständig war. Die Soundeffekte unterstützen die manchmal etwas holprigen Animationen und kommen besonders in den Kämpfen und mit Kopfhörern brachial rüber. Zudem verfügt das Spiel über eine exzellente englische Tonspur. Eine deutsche Sprachausgabe ist leider nicht vorhanden aber bei der Unmenge an Dialogen war das auch nicht zu erwarten. Dafür sind deutsche Untertitel zuschaltbar, die meist auch gut übersetzt sind. Weiterer Pluspunkt: die Schriftgröße ist einstellbar. Die Lautstärke von Musik, Effekte, Sprache und UI ist getrennt regelbar. Man kann sich sogar UI-Elemente "vorlesen" lassen und Voice-Chat in Sprache wandeln oder umgekehrt. Das dürfte allerdings auch nur in Englisch funktionieren.

Wasteland 3 (PC, PS4, Xbox One) Test / Review

Pro

  • spannende Story (auch in Nebenquests)
  • stimmungsvolle Inszenierung
  • pechschwarzer Humor vom Feinsten
  • bombastischer Soundtrack
  • tolle unterschiedliche Charaktere
  • ständig neue Überraschungen
  • komplexes Kampfsystem
  • großer Umfang (80-100 Stunden)

Contra

  • Grafik wirkt stellenweise veraltet
  • Kamera / Sicht nicht immer optimal
  • Controller-Steuerung nicht ausgereift
  • viele kleinere Bugs
  • gelegentliche Abstürze
  • leider kein lokaler Coop-Modus
  • sehr textlastig, keine deutsche Synchro
  • lange Ladezeiten

Fazit

Wasteland 3 bietet unfassbar viel Inhalt und Spielspaß mit einer gut geschriebenen Story, die für über 80 Stunden an den Bildschirm fesselt und immer wieder überrascht. Der Wiederspielwert ist durch die ständigen Entscheidungsmöglichkeiten und unterschiedlichen Charaktere zudem sehr hoch. Leider kann die Grafik nicht immer mit dem grandiosen Soundtrack und der fesselnden Story mithalten. Es gibt zwar viele liebevolle Details aber man darf an einigen Stellen nicht zu genau hinsehen, denn stellenweise sieht die Grafik auf der PS4 Pro einfach LastGen aus. Leider ist die Kamera eine der größten Schwächen des Spiels. Auch die Steuerung ist nicht immer optimal und es gibt noch einen Haufen kleinerer und größerer Bugs, um die sich der Entwickler dringend kümmern sollte. Dafür wird man aber durch spannende Kämpfe mit hoher taktischer Komplexität und tollen Dialogen mehr als entschädigt. Wasteland 3 ist blutig, brutal und irrsinnig komisch. Die vielen optischen und technischen Verbesserungen im Vergleich zu Wasteland 2 wirken sich positiv auf das Gameplay und die Atmosphäre aus. Lobenswert ist auch die sehr gute englische Sprachausgabe, die bei einem derart dialoglastigen Spiel nicht selbstverständlich ist. Der Online-Coop-Modus in dem ihr die komplette Kampagne mit einem Freund erleben könnt, ist ebenfalls eine schöne Neuerung. Wer die ersten beiden Teile mochte, wird Wasteland 3 lieben! Auch Neueinsteiger dürften mit diesem Teil am Glücklichsten werden. Wasteland 3 ist sicher kein Spiel für Jedermann und eventuell lohnt es sich auch noch ein wenig zu warten, bis die zahlreichen Bugs gefixt sind.

Getestet wurde Wasteland 3 auf PS4 von Tobias Creter. Das Spiel lag uns zum Testzeitpunkt in Version 1.06 vor.

Das Test-Exemplar / der Review-Code für Wasteland 3 wurde uns von Koch Media kostenlos zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!